Glückskind in der Krise

Ich bin Jahrgang 85, ein frühes Kind der Generation Y. Das größte Problem, an das ich mich in meiner Kindergartenzeit erinnere, war, als ich mir mit der Bastelschere einen Pony schnitt und zur Strafe (meine Mutter fand den nicht so hübsch wie ich) am Nachmittag der angekündigte Besuch in der Eisdiele ausfiel. Welch‘ Katastrophe für die kleine Nele! Die zweite dramatische Erinnerung geht um meinen Schulranzen. Denn ich wollte einen ganz bestimmten. Und habe ihn nicht bekommen und musste so zur Einschulung einen Ranzen tragen, der nicht derjenige war, den ich so gerne gehabt hätte. Zweite Katastrophe. Ich bin im Überfluss aufgewachsen, nie superreich, aber mit zwei Urlauben im Jahr, Reihenhaus, mit vollem Kühlschrank, genügend Klopapier im Vorratsraum, Weihnachtsbaum und einer großen Barbiepuppensammlung. Für diesen Luxus musste nichts tun, er war der Verdienst von harter Arbeit, speziell der meines Vaters. Meine Eltern trennten sich, als ich 10 war, das war nicht lustig, und katapultiere mich in andere Dimensionen, als verbotene Eisdiele und ungewünschter Schulranzen. Aus Kindersicht kann ich sagen, dass das zwar traurig und mit starker Umgewöhnung verbunden war, dennoch auch für mich und meine Familie ohne wirklich großen emotionalen und materiellen Schaden.

Meine erste wirkliche Krise? Vielleicht.

Die weltpolitische und wirtschaftliche Lage in meiner Kindheit und Jugend war sicher nicht langweilig, dennoch – wenn ich meine Erinnerungen befrage – stelle ich fest, dass die persönliche Relevanz sehr gering für mich war. Ja, weit weg, da gab es Kriege. Schrecklich! Aber so weit weg und dadurch so abstrakt. Der erste „Knall“ für mich, und viele Vertreter/innen meiner Generation, war 9/11 im Jahr 2001. Mitten in meiner Jugend passierte etwas, was es so noch nie gegeben hat. Schrecklich! Eine neue Art von Krieg. Eine Art, die jede/n und überall treffen kann, völlig unvorbereitet. Meine erste wirkliche globale und weltpolitische Katastrophe! In der Literatur wird dieses prägende Ereignis als eines der Treiber für ein Wertesystem meiner Generation beschrieben, was u.a. dazu führte, dass ein Großteil (wenn wir einschlägigen Befragungen Glauben schenken wollen, Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel!) beschlossen hat, mehr im Jetzt zu leben, als uns für eine potenziell einzutretende Zukunft zu verbiegen, die gegebenenfalls niemals eintreten würde. Doch auch 9/11 war weit weg. Medial dauerpräsent, ja. Aber ich persönlich, ich kannte niemanden, den es damals wirklich betraf. Das ist heute anders, denn ich lernte im Laufe der Jahre einige kennen, die 2001 in New York dabei waren. Sie erzählten mir ihre Geschichten. Ich bekam Gänsehaut. Noch im letzten Jahr stand ich am 9/11 Memorial in NYC und betrachtete die vielen Namen. Sie flüsterten mir ihre Geschickten. Ich bekam Gänsehaut. Für mich persönlich allerdings, gab es in Bezug auf 9/11 keine wirkliche Relevanz, von großer Betroffenheit abgesehen. Die für mich spürbare Veränderung spielt sich an verstärkten Kontrollen am Flughafen ab. Max. 100ml Flüssigkeit im transparenten Beutel, das kann ich easy wegstecken, ohne mich wirklich betroffen/ eingeschränkt zu fühlen.

Krisen in meiner Jugend

Meine Jugend erlebte ich mit sehr persönlichen Krisen (beim Rauchen erwischt werden (Hausarrest, schrecklich!), Liebeskummer, einmal fast sitzen geblieben), aber im Großen und Ganzen fühlte ich mich zu jedem Moment eines: Sicher.

Die Finanzkrise 2008 traf mich als Berufseinsteigerin.

Wilde Kursschwankungen und Werteverluste in meinen Kalkulationen im internationalen Rohstoffhandel. Wir müssen schnell sein, Kurse sichern, Warenströme so lenken, dass wir glimpflich davonkommen. Schrecklich! Doch für mich persönlich gab es keinerlei Relevanz. Ich verlor weder meinen Job, noch bekam ich weniger Gehalt. Ich lebte in meiner kleinen Wohnung, im schönen Hamburg-Eppendorf, joggte um die Alster, begann Tennis zu spielen und arbeite und lernte viel und gerne. Wirkliche Krisen? Gab es keine. Subjektiv betrachtet gab es sie natürlich, ich erinnere mich an meine erste eigene Trennung, die mir den Boden unter den Füßen wegzog. Aber auch das war nach 8 Wochen emotional und logistisch (Umzug etc.) erledigt. Und an den schrecklichen und viel zu frühen Tod meiner wunderbaren Freundin Annika. Krisen sind immer subjektiv, das ist mir klar. Ich verbrachte eine Zeit im Ausland, wechselte die Branche, machte mich noch vor meinem 30sten Geburtstag, aus purer Selbstverwirklichungslust, selbstständig und lernte meinen (jetzt) Mann kennen. Was für eine tolle Zeit! Die ersten Aufträge kamen, als Einzelunternehmerin lernte ich schnell und ging Kooperationen ein, die mir beim Wachsen und ausprobieren halfen. 2017 gründete ich gemeinsam mit Stefan Lapenat unser jetziges Unternehmen. Wir wuchsen schnell, wir lieben, was wir tun. Mittlerweile haben wir 6 Mitarbeitende, mein erstes Buch erschien Anfang März diesen Jahres. Was für eine Erfolgsgeschichte! Ich schreibe diese Worte und beginne (leicht verzweifelt) zu schmunzeln. Die Corona-Krise trifft mich, und viele meiner Freundinnen & Freunde, völlig krisenunerfahren. Woher soll ich wissen, wie man sowas (unternehmerisch & persönlich) durchsteht? Woher soll ich wissen, welcher Schritt der richtige ist und welcher die Krise noch größer wachsen lässt? Wie soll ich die Ruhe bewahren, die jetzt so dringend gefordert ist? Das einzige, was ich weiß ich, dass diese Krise mich zum ersten Mal wirklich betrifft. Dass ich nachts wach liege, weil ich rechne. Wie lange können wir die Löhne für unser fantastisches Team zahlen? Und die Raten für unser frisch gekauftes Haus? Wie können wir unser Geschäftsmodell so anpassen, dass wir weiter für die Gesellschaft nützlich sein können? Diese Fragen, sie betreffen mich akut. Persönlich. Emotional. Und in meinem Portemonnaie. Letzte Woche lief mein Jahresabo meiner Yoga-App aus. Es kostet EUR 50,-/ Jahr. Noch zu keinem Zeitpunkt meines Lebens hätte ich das Abo nicht innerhalb von 4 Sekunden erneuert. Dieses Mal nicht. Ich mache nun die kostenfreien Übungen.

Die EUR 50,- brauchen wir vielleicht an anderer Stelle. Ich spare sie lieber.

Zwischen VUCA und VUCAchen

Seit Jahren erzähle ich auf Bühnen, in Artikeln und in Unternehmen von der VUCA Welt (die sich als besonders volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig auszeichnet), und wie schwer es für viele Menschen ist, in dieser Welt zurecht zu kommen. Dass wir uns drauf einstellen müssen, dass unsere Systeme fragil sind, dass wir wandel- und anpassbar, kreativ, wach, klar und menschorientiert miteinander umgehen müssen. Jawoll! Heute weiß ich, dass dieses VUCA-Modell für mich bis jetzt ein abstraktes war. Das, was gerade in der Welt passiert, DAS IST VUCA. Davor kannte ich nur die verniedlichte und kleine Form. VUCAchen. Und so geht es vielen Menschen da draußen momentan.

Von Corona schreibe ich hier nicht. Zum einen, weil ich persönlich (und ich weiß, das geht so vielen gerade anders!) gesund, vital und (noch) nicht betroffen bin, weder persönlich noch im Freundes- und Familienkreis. Und zum anderen, weil ich diesen Teil Expertinnen & Experten überlasse. Ich schreibe diese Zeilen, um zu zeigen, dass es viele Menschen wie mich in unserem Kulturkreis gibt, die (natürlich mit ihren eigenen Geschichten und persönlichen Katastrophen) völlig krisenunerfahren mit einer Situation konfrontiert werden, die wir alle gerne geübt hätten. Gestern habe ich einen Podcast von Kerstin Scherer und Tobias Beck gehört. Tobias sagt sinngemäß: „alles, was wir bisher zum Thema Persönlichkeitsentwicklung gelesen und geübt haben, muss jetzt schnell in die Praxis umgesetzt werden.“ Und genau da stehen wir. Wir haben viel gelesen. Sind viel gereist. Wir haben geübt. Gewagt. Probiert. Nun heißt es: konsequent anwenden.

Ich habe keine Ahnung, ob es „das richtige“ ist, aber ich teile gerne, wie ich mit der Krise momentan besonnen umzugehen versuche:

  • Viel Zeit alleine (!) in der Natur verbringen (morgens als erstes, da schlafen viele noch)
  • Meditation. Jeden Tag. In die innere Klarheit kommen und dadurch den Kontakt zum Jetzt nicht verlieren
  • Reduzierter Konsum von News, Fokus auf das halten, was relevant ist
  • Mit Menschen über Gefühle reden, die mich/ uns gerade beschäftigen, virtueller Austausch tut mir gerade gut
  • Kreativ sein, neue Formate/ Produkte/ Dienstleistungen entwickeln
  • Anderen helfen, großzügig sein

Während ich das hier schreibe, fällt mir auf, dass ich genau das tue, was ich schon so oft (siehe oben) gesagt und empfohlen habe, zum Umgang mit der VUCA-Welt. Ich stelle mich auf das fragile System ein. Ich bemühe mich um meine Wandel- und Anpassbarkeit, ich gebe alles für Kreativität, Wachsamkeit, Klarheit und Menschorientierung. Das VUCA-Modell wird lebendig. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Xing-Insider-Artikel-Sammlung von Nele Kreyßig am 30. März 2020